Fake News 2.0: Deepfakes sind heute die größte Bedrohung für die Medien

Fake News 2.0: Deepfakes sind heute die größte Bedrohung für die Medien

Marco Dautel

Marco Dautel

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Über Fake News ist in den letzten Jahren viel in den Medien berichtet worden. Das Thema „Deepfakes“ wurde bisher deutlich weniger beleuchtet, obwohl der Begriff nahezu gleichzeitig geprägt wurde. Im Mai dieses Jahres ging der Begriff erstmals viral als ein manipuliertes Video zeigte, wie die US-Politkerin Nancy Pelosi in einem TV-Interview betrunken war. Ähnliche, in ihrer Technik noch beeindruckendere, Videos folgten schnell. Wer kennt nicht die auf Facebook, LinkedIn oder Twitter kursierenden Videos von Obama, Trump, Clinton und Co., die täuschend echt die Mimik und Gestik der Protagonisten darstellen, aber nicht echt sind. In einem verkörperte zum Beispiel der Komiker Bill Hader Arnold Schwarzenegger in einer Talkshow, während ineinem anderenn Video hemand vorgab, Mark Zuckerberg zu sein, der sich selbst diffamierte.

Der Begriff Deepfake bezieht sich auf die Technologie, die mithilfe künstlicher Intelligenz (KI),  Bewegtbilder und Stimmen synthetisiert, die nie wirklich so produziert wurden. Stellen Sie sich ein überzeugendes Video von sich selbst vor, in dem Sie etwas tun oder sagen, dass so nie vorgekommen ist. Die Reaktion der Medien und der Öffentlichkeit auf das Pelosi-Video entsprachen einer Mischung aus

  1. Überraschung, wie fortschrittlich die Technologie ist,
  2. Schock, wie überzeugend die Videos sind und
  3. Angst und Empörung darüber, wie Deepfakes zur Manipulation und als Waffe eingesetzt werden könnten.

Normalerweise gäbe es eine Reihe von Medienberichten, die die Vor- und Nachteile der neuen Technologie, die Risiken und Chancen sowie die kurz- und langfristigen Anwendungen darstellen. Diesmal nicht. An einem Punkt in der Geschichte, an dem Fehlinformationen eine große Bedrohung für Demokratie, Unternehmen und Einzelpersonen darstellen, machen die Medien die Öffentlichkeit zu Recht nur auf die Bedenken und Risiken im Zusammenhang mit der Deepfake-Technologie aufmerksam.

Was wir sehen, glauben wir

Die Bedrohungen durch Deepfakes sind vielfältig. Der Aktienkurs eines Unternehmens kann an einem Tag von einem Wettbewerber manipuliert werden. Eine Regierung könnte durch einen ausländischen Akteur verunsichert werden. Hinzu kommen der Stress und Druck von Individuen im Rampenlicht der Medien. Stellen Sie sich vor, Sie wachen auf und finden ein viral gegangenes, manipuliertes Video von sich. Sie werden mit abscheulichen Kommentaren und Anfeindungen überschüttet und sind nahezu machtlos, wenn es darum geht, die Authentizität des Videos zu widerlegen. Ein beängstigender Gedanke, aber in der heutigen Welt eine sehr reale Möglichkeit. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis irgendwo auf der Welt Gewalt ausbricht, basierend auf einem durch Deepfake kreierten Vorfall.

Dabei ist es eine Sache für die Medien, die Öffentlichkeit über Deepfakes aufzuklären, aber eine ganz andere, wenn Journalisten und PR-Profis selbst betrogen werden. Als Kommunikationsexperten sollte uns allen bewusst sein, wie verheerend ein Deepfake-Video zum falschen Zeitpunkt sein kann.

Es gilt: Lieber einmal mehr die Echtheit überprüfen

Uns muss bewusst sein, dass Deepfakes massive Auswirkungen auf die Funktionsweise von Medien haben können. Für Journalisten kann die Veröffentlichung einer aktuellen Geschichte, die auf einem später als falsch identifizierten Video basiert, fatal sein. Sie schädigt ihren, untergräbt das Vertrauen der Leser in die Zeitung oder Zeitschrift, für die sie schreiben, und kann sogar zu Verleumdungsklagen führen. Damit könnte sich die Art und Weise, wie Journalisten Geschichten, die auf Videoinhalten basieren, empfangen, schreiben und veröffentlichen, erheblich ändern. Sie werden zunächst die Quelle und Echtheit ermitteln müssen. Ein hehrer Anspruch in Zeiten, in denen Geschwindigkeit alles ist und Redaktionen immer weiter ausgedünnt werden. Die Hoffnung ist, dass wenn Journalisten keine Zeit haben, die Authentizität zu überprüfen, sie es einfach als gefälschte Nachricht betrachten und sich einer anderen Geschichte zuwenden.

Deepfake kann Krisen-PR deutlich erschweren

Auch Public Relations-Profis stehen vor einer Herausforderung: Eine Kernsäule unserer täglichen Arbeit ist das News Hijacking. Dabei springen wir auf Nachrichten auf und bieten ergänzende Antworten sowie Informationen im Namen der von uns vertretenen Unternehmen an. Basieren diese Nachrichten auf Deepfakes und wird das erkannt, führt unsere Arbeit nicht zu einer Berichterstattung. Zusätzlich wird es die schon jetzt manchmal schwierige Situation zwischen PR und Redaktion weiter belasten. Denn wenn Journalisten Inhalte für Geschichten erhalten, die sich später als Fake herausstellen, dann ist das im besten Fall nur frustrierend, im schlimmsten Fall geht damit auch ein Vertrauensverlust einher. Es ist an uns PR-Experten unsere Unternehmen, Kunden und Beziehungen zu Journalisten zu schützen indem wir Redaktionen dabei unterstützen, festzustellen, ob Inhalte echt sind oder nicht.

Dann gibt es natürlich noch das Element der Krisenkommunikation. Wenn ein Deepfake veröffentlicht wird, der zeigt, dass ein CEO beispielsweise so handelt, dass er den Ruf seines Unternehmens schädigt, wird es schwer für die Öffentlichkeitsarbeit, das Gegenteil zu beweisen. In einem hypothetischen Beispiel eines verfälschten Videos, das rassistische Übergriffe durch einen Kundendienstmitarbeiter in einem Geschäft einer großen Marke darstellt, liegt es in der Verantwortung des PR-Teams zu kommunizieren, dass der Vorfall nicht stattgefunden hat und stattdessen ein Deepfake ist. Bis die Mitarbeiter intern aber festgestellt haben, dass es sich um eine Fälschung handelt, ist das Video bereits viral gegangen. Eine sehr herausfordernde Situation.

Noch bedenklicher ist die Kennzeichnung eines echten Videos als Deepfake. Der aktuelle Präsident der Vereinigten Staaten hat in den letzten Jahren bewiesen, dass man die Wahrheit leicht mit einer Fake-News-Rhetorik untergraben kann. Dieser Akt, bei dem Fehlverhalten als Fake News abgetan wird, hat Konsequenzen für Unternehmen, aber auch für soziale Gerechtigkeit und Staatsanwälte. Wenn keine Lösung für Deepfakes gefunden wird, könnten Täter von Verbrechen für unschuldig befunden werden, weil Videobeweise nicht mehr vertrauenswürdig sind.

KI: Das Gift und der Impfstoff

Menschen bearbeiten seit Jahren Bilder und Videos – warum ist es erst jetzt ein Problem?

Erst im Juni wurde ein Redakteur von RTL entlassen, weil er seit Jahren Videos so bearbeitete, dass sie nicht mehr die Wirklichkeit abbildeten, sondern Geschichten überzogen und teilweise falsch darstellten. Mit der rasanten Entwicklung von KI-gestützten Werkzeugen wird es in Zukunft noch viel einfacher sein, Inhalte zu erstellen, die echt aussehen, es aber nicht sind. Dadurch werden Videos immer stärker Teil einer berechneten Fehlinformationstaktik für Akteure, die anderen schaden wollen.

Es gibt jedoch Hoffnung. Denn künstliche Intelligenz ist nicht nur ein Schlüsselbestandteil des Giftes, sie ist auch der einzige Impfstoff. Wir werden bald einen Punkt erreicht haben, an dem das menschliche Auge nicht mehr erkennen kann, was in einem Video real ist und was nicht. An dieser Stelle werden wir uns auf KI-basierte Tools verlassen müssen, die Deepfakes erkennen können. Glücklicherweise befinden sie sich bereits in der Entwicklung; die Gefahr von Fehlinformationen ist so groß, dass das US-Verteidigungsministerium bei Anti-Deepfake-Programmen führend ist.

Medien, Kommunikatoren und Unternehmen müssen aktiv informieren

In der Zwischenzeit liegt die Verantwortung bei den Verlegern und Zuschauern. Erstere können ihre Medienplattformen nutzen, um diese Videos als das darzustellen, was sie sind: Fake News. Soziale Netzwerke müssen wachsam sein, um sie so schnell wie möglich von ihren Websites zu entfernen oder zumindest zu markieren. Leider, wie Facebook und Instagram kürzlich bewiesen haben, entscheiden sich Social-Media-Unternehmen dafür, die Augen zu verschließen. In der Zwischenzeit müssen die Zuschauer vorsichtig sein mit dem, was sie in ihren Netzwerken teilen.

Alles, was wir als PR-Teams tun können, ist eine ordnungsgemäße Prüfung durchzuführen und ethisch einwandfrei zu arbeiten. Wenn es auch nur einen Hinweis darauf gibt, dass ein Video manipuliert ist, dürfen wir unsere Arbeit nicht darauf aufbauen.

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